Die Kunst als Hort der Unangepasstheit und Das Kunstsammeln als persönlicher Freiraum?

Interview mit Kunstsammler Martin Steppacher über die Rolle der Künstler*in, und der Leidenschaft eines Kunstsammlers
„Er lebt dann vollständig in seiner Welt, die von Sehnsucht, Ängsten und Hoffnungen lebt. Man hat das Gefühl, er erzählt dir seine nächtlichen Träume“. 

Fred Unruh: Kunstsammeln meint für dich auch Engagement mit der Gesellschaft, etwas zurückgeben, für etwas einstehen – Sollte jede/r Kunst besitzen? Und wenn ja, warum? 

Ich denke mal, dass mir die Gesellschaft in diesem Zusammenhang ziemlich „Wurst“ ist. Ebenso bin ich überzeugt und dabei gibt mir der grosse Francis Bacon recht, dass wir zwar ein Teil der Gesellschaft sind und mit ihr zu leben haben, doch wir ihr nichts geben oder sogar zurückgeben sollten oder müssen, Dies ist jedem selber überlassen. Zudem bin ich der festen Meinung, dass mindestens die Hälfte der Künstler keinerlei Botschaft an die Gesellschaft richten, wenn sie malen. Er, der Bacon, sagte einmal: Hört auf irgendwas in meinen Bildern sehen zu wollen – eine Botschaft eine Mitteilung an euch. „Ich male um nicht verrückt zu werden, um nicht durchzudrehen“.

Öl auf Leinwand, 170x171cm

Öl auf Leinwand, 130x130cm

Fred Unruh: Martin, was ging in dir vor, als du im April Gregor Lanz` in seiner Wohn-Leben-Galerie begegnet bist und Warum suchst du immer wieder den persönlichen Kontakt zu den Künstler*innen?

Der hat ‘s geschafft ! Ehrlich – wie kann man hier oben leben – doch Kunst zu erzeugen? Diese Situationen empfinde ich für mich als große Herausforderung, denn er ist „gesellschaftlich“ nicht angepasst und ist ihm Vieles völlig egal, wie und ob die Umgebung ihn wahrnimmt. Der Reiz liegt darin , ihn mit meiner Art des  „Verkäufers“ angepasst zu machen für den Verkauf seiner Bilder.

Um wieder zu „Bacon“ zurückzukommen, würde er ohne sein Malen nicht existieren können; davon bin ich fest überzeugt. Für ihn ist es überlebenswichtig zu malen – vor allem drückt er damit seine momentane „Lebenssituation“ aus. Ich merke es darin, dass sobald er beginnt dir zu erklären, was es darstellen soll du ihn nicht mehr verstehst!

Er lebt dann vollständig in seiner Welt, die von Sehnsucht, Ängsten und Hoffnungen lebt. Man hat das Gefühl, er erzählt dir seine nächtlichen Träume.

Öl auf Leinwand, 180x160cm
Die Marionettenspieler 2020, Öl auf Leinwand. Ausgestellt in der Ausstellung `bis morgen` 28.5 29.5.22 in der Galerie Durchgang

Details. Die Marionettenspieler 2020, Öl auf Leinwand.
Fred Unruh: Wenn du ein Kunstwerk siehst, woher kommt der Impuls es in deine Sammlung aufzunehmen? Was passiert da bei dir? Gibt es dort ein Muster oder wie kommt die Magie zustande?

Es muss mich im Gesamten „ansprechen“ und etwas zeigen, was ich nicht kann und zwar „malen “. Zudem liebe ich eher Menschen in Bewegung im Bild zu sehen als „nur “ eine Farbkomposition. Generell gesagt eher Impressionisten als Mondrians, Rothkos oder Kleins. Auch sprechen mich z.B. Strassenszenerien mehr an als Picassos, Chagalls oder Kandinskys.

Fred Unruh: Das Kunstsammeln begleitet dich schon seit vielen Jahren, du hattest sogar eine Zeit lang bereits eine eigene 1-Raum-Galerie, das war vor etwa 15 Jahren, was hat sich für dich verändert, seitdem du die Galerie Durchgang ins Leben gerufen hast?

Ganz einfach – das Raumangebot – uns stehen im „Durchgang“ über 230m2 zur Verfügung. Ganz persönlich stellt für mich eine Galerie auch eine Möglichkeit aus meinem 5-Frauenhaushalt zu entfliehen und für mich alleine zu sein. Gerne bin ich vor allem an Sonntagen im „Durchgang“ für mich alleine und kann meinen persönlichen Gedanken nachgehen. Plötzlich werde ich dann geweckt und kann mich mit neuen „Fremden“ mich über Bild und Künstler unterhalten, was extrem spannend ist. Ich bin gerne Unternehmer – möchte „etwas“ auf die Beine stellen, was ich noch nicht getan habe und schauen, ob ich es schaffte und es mir gelingt, Freude damit zu erzeugen.

Gregor Lanz, 1962 in Zürich geboren lebt und arbeitet in Welschenrohr, Solothurn. Wir haben ihn in seinem Studio Ende April besucht. gregor-lanz.ch

Alphaville 2021, Öl auf Leinwand. Ausgestellt in der Ausstellung `bis morgen` 28.5 29.5.22 in der Galerie Durchgang